Polarity: „Ohren können nur unbelastet gut urteilen“

Januar 27, 2020 | Producers & Artists

Fast jeden Tag ein neues Musikstück beginnen – was wie eine hoch effiziente Fließbandproduktion klingt, ist der erste Schritt im Workflow des deutschen Musikproduzenten Polarity. Doch man beachte die Wortwahl: beginnen. Getreu seinem Motto „Vom Werk distanzieren, um einen objektiven Überblick zu erhalten“, lässt Polarity – der mit bürgerlichem Namen Robert Agthe heißt – seine Musikstücke dann reifen. Wenn er sich dann nach Tagen, Wochen oder auch Monaten wieder an sein Werk setzt, weiß er genau, was zu tun ist.

Polarity sieht seinen Weg Musikproduzent zu werden als „schleichenden Prozess“, der auch einige Experimente enthielt. „Ich hatte zwar meine Phase als DJ um die Jahrtausendwende herum, habe aber schnell gemerkt, dass mich das zu sehr begrenzt und nicht wirklich glücklich macht.“ Seine Priorität liegt also klar beim Produzieren.

Obwohl er aus dem Drum and Bass Genre kommt, sind andere Genres wie Ambient durchaus interessant für ihn. „Am Ende würde ich meine Musik ein bisschen wie mich selbst beschreiben. Immer nach vorne schauend aber mit einem Bein in der gewohnten Vergangenheit – und der ewige Kampf loszulassen und das Neue liebgewinnen.“

In seiner Karriere als Produzent kann er einige Veröffentlichungen bei Breakbeat Labels verbuchen, jedoch ist für ihn ist sein bisher größter Erfolg der Aufbau der Community „producer-network“ Anfang der 2000er Jahre. „Das war bevor es Facebook oder Soundcloud gab. Produzenten konnten sich anmelden, Musik hochladen, Feedback geben usw. später wurde dann ein Netlabel daraus.“

 

Abschließen können

Trotz seines Reifeprozess-Ansatzes, versucht Polarity bei jedem weiteren Schritt in seinem Produktionsworkflow so schnell und so gut wie möglich Entscheidungen zu treffen. Er erklärt: „Ich finde, dass zu viele Variablen oder die Dinge in der Schwebe zu lassen, der Produktion nicht gut tut. Wenn ich immer wieder zu Sounds, Spuren oder Effekten zurückkehre um sie zu ändern, wird man oft nicht fertig und das hört man dem Ergebnis auch an.“ Durch die Digitalisierung sowie das riesige Angebot an Tools, ist die Verlockung natürlich groß, dauernd zu seiner Kreation zurückzukehren um endlos zu daran zu schleifen. Das sieht auch Polarity so: „Ein Problem, das auch erst existiert seit es leistungsstarke Rechner gibt.“

Creative priorities

Kreative Prioritäten

Die Herausforderung beim Mischen von mehreren Songs Konsistenz bezüglich Lautheit, tonale Balance und Druck herzustellen, ist etwas womit sich auch Polarity immer wieder konfrontiert sieht. Seine Lösung dafür ist: „Ich verlasse mich auf automatisierte Tools und die Loudness Units bzw. LUFS. Ich kenne meine Werte für Drums, Bass, Lead, etc. und nutze das LU Auto Gain Plug-in von Hornet für ein neutrales Gain Staging, sonible‘s smart:EQ live für die tonale Balance und ich verlasse mich fast immer auf die gefundenen Einstellungen von smart:comp. Ich nutze auch oft den Auto-Threshold von Ozone‘s Maximizer. Vieles im Mixing-Prozess ist einfach langweilige, automatisierbare Arbeit. Die Tools geben mir mit ein paar Klicks gute neutrale Ergebnisse. Das gibt mir Zeit mich mit meinen kreativen Prioritäten im Mix zu beschäftigen.“

smart:comp wendet Polarity daher auf fast jedem Bus an – Drums, Bass und auf dem Master. Weil er die Möglichkeit schätzt, dass smart:EQ live dauerhaft analysiert und korrigiert, während er Sounds austauscht oder bearbeitet, biegt er „krumme Sounds“ mit dem adaptiven EQ zurecht. „Im Drum and Bass Genre sind stark modulierte Bässe üblich. Oft driftet man im Sounddesign-Prozess zu stark ab und die Ohren wissen oft auch nicht mehr was neutrale Frequenzbalance bedeutet. Aber smart:EQ live holt einen da schnell wieder auf den Boden zurück. Grundsätzlich traue ich diesen Tools oft mehr als meinen Ohren. Sie haben zwar immer das letzte Wort, aber können nur frisch und unbelastet gut urteilen. Daher schätze ich das smart:comp und smart:EQ live mich in der kreativen Phase unterstützen, indem sie mir die Sicherheit geben, dass ich mich nicht zu weit von der Mitte entferne.“