Schau zurück und blicke in die Zukunft

April 11, 2019 | Know-how

Künstliche Intelligenz ist ein kraftvoller Begriff, der sowohl Euphorie als auch Unbehagen hervorruft – so wie zweifellos viele andere technologische Errungenschaften in der Vergangenheit. Es war einiges an Zeit, Kreativität und Vision nötig, um an jenen Punkt zu gelangen, an dem Musiker ihre Werke zu Hause aufnehmen, bearbeiten und sie anschließend in globalen Netzwerken veröffentlichen können. Geschweige denn, die Offenheit und der Weitblick, die nötig waren, damit heute beispielsweise Millionen von Musikliebhabern wöchentlich eine Zusammenstellung von neuen Musiktiteln erhalten, die mit erstaunlicher Treffsicherheit ihrem persönlichen Geschmack entspricht.

Rückblickend

Es scheint sehr oft dasselbe Muster aufzutreten, wenn man auf technologische Entwicklungen in den Bereichen Tontechnik und Musikproduktion zurückblickt. Eine neue Technologie wird entwickelt und ist zunächst nur jenen vorbehalten, die über die entsprechenden finanziellen Mittel und die notwendige Expertise verfügen. Die Entwicklung selbst ist oft groß dimensioniert, schwer, kompliziert zu reproduzieren und hat nur einen sehr eingeschränkten Funktionsumfang.

Trotz allem öffneten diese neuartigen Technologien Türen für leistbarere, flexiblere Lösungen, durch die Menschen mit all ihrem kreativen Potenzial und Talent (oft auch eingeschränktem Budget) plötzlich Zugriff auf Produkte hatten, mit denen sie neue Inhalte kreieren, bearbeiten und verbreiten konnten.

Ein Beispiel für die Evolution und Etablierung neuer Technologien sind zeitbasierte Audio-Effekte und ihre Entwicklung von 1930 bis in die 1990er Jahre.

view of the reverberation chamber at IETR laboratory, Rennes.

Foto: Manuamador (CC BY-SA 3.0)

Die 1930er

Sogenannte „Echokammern“ wurden für Rundfunk- und Aufnahmezwecke gebaut. Diese langen, rechteckigen Räume verfügten über schallreflektierende Wände, eine niedrige Deckenhöhe und waren mit einem Lautsprecher an einem Ende und einem Mikrofon am anderen ausgestattet.


 

Die 1940er

Zum ersten Mal wird eine Pop-Aufnahme mit einem künstlichen Halleffekt versehen. Der Effekt wurde in der Toilette des Aufnahmestudios erzeugt.

Les Paul fügt seinem Tonbandaufnahmegerät einen zusätzlichen Wiedergabekopf hinzu, um ein Slapback-Echo zu kreieren. Er war der Erste, der eine echte Verzögerung als Effekt verwendete, unabhängig von Echo oder Hall.


Echosonic by Ray Butts

Foto: EchoSonic, Frank Roy

Die 1950er

Ray Butts baut den EchoSonic; der tragbare Gitarrenverstärker ist ein Kombinationsgerät. Es verfügt über einen eingebauten Band-Echo-Effekt sowie Bedienelemente, mit denen Bass und Höhen reguliert und unabhängig voneinander die Lautstärke von Mikrofon und Gitarre geregelt werden können.

Die Entwicklung der Mehrspuraufzeichnung ermöglicht eine völlig neues Ausmaß an Flexibilität. Die Technologie erlaubt es, nur ausgewählte Instrumente mit Effekten zu bearbeiten.

EMT bringt mit der EMT 140 Reverberation Unit das erste Plattenhall-Gerät auf den Markt. Es wiegt erstaunliche 600 Pfund (270kg).


 

Die 1960er

Mit dem Accutronics Type 4 Federhall entwickelt die Hammond Organ Company ein Gerät, das kleiner als ein Aktenkoffer ist. Leo Fender ist so begeistert, dass er den Type 4 zum fixen Bestandteil des heute berühmten Fender Twin Reverb macht.


EMT 250 Digital Reverb

Foto: EMT 250, John Schimpf

Die 1970er

Integrierte Schaltkreise ermöglichen die Schaffung von ausgereifteren akustischen Effekten. Dank der „bucket brigade“ Bauweise (Eimerkettenschaltung) konnten zeitbasierte Modulationseffekte wie Chorus, Flanger und analoge Delays entwickelt werden.

Der freistehenden EMT 250 Electronic Reverberator Einheit wird erfunden. Der digitale Reverb kostete bei seiner Markteinführung rund USD 20.000.

Eventide Clock Works Inc. bringt den H910 Harmonizer auf den Markt. Es ist das erste kommerziell erhältliche digitale Audioeffektgerät, das Tonhöhenverschiebung, einen kurzen digitalen Delay und eine Rückkopplungskontrolle vereint.


 

Die 1980er

Bahnbrechende digitale Delays werden entwickelt, wie der PCM 411 Digital Delay Processor von Lexicon und der SDD-3000 von Korg.


Cubase 1.0 for Macintosh by Steinberg

Foto: Cubase 1.0, Steinberg

Die 1990er

Cubase VST von Steinberg für Apple Macintosh wird veröffentlicht. Die virtuelle Studiotechnologie bietet einen Equalizer und unterschiedliche Audioeffekte für Privatcomputer.


 

Digitale Sensation

In den 1970ern beginnen digitale Technologien aufzutauchen, beispielsweise kamen in diesem Jahrzehnt die ersten Versuche von DAWs auf den Markt. Bereits ein Jahrzehnt später sorgten die CD und MIDI für Furore. Für die Musikindustrie war ein neues Zeitalter angebrochen: analoge Signale in digitale Signale konvertieren zu können und die steigende Rechenleistung sowie -geschwindigkeit von Privatcomputern bedeutete schlichtweg einen immensen Umbruch.

In der digitalen Signalverarbeitung ist der Konvertierungsprozess von analog zu digital nur der Anfang – sobald dieser Schritt getan ist, sind die Möglichkeiten in der Audiomanipulation schier endlos. Mit der Digitalisierung von Audiomaterial wurden Dinge möglich, die zuvor nicht einmal existierten: perfektes Delay, linearphasige Filter oder Faltungshall.

 

Die Kombination macht’s

Die Musikindustrie hat die Digitalisierung von Signalen zwar nicht erfunden, aber die Technologie hat großartige Entwicklungen für Toningenieure, Musikproduzenten und Musiker initiiert – seien es Experten oder Anfänger. Ähnlich verhält es sich mit dem Thema Künstlicher Intelligenz: Nimmt man eine Technologie wie K.I. und integriert sie in die Entwicklungen eines anderen Bereiches, tut sich ungeahntes Potenzial auf.

Ein Beispiel: Machine Learning – eine Teildisziplin von K.I. – analysiert große Datenmengen, lernt aus ihnen und liefert entweder Entscheidungen oder Gruppierungen. Kombiniert man Machine Learning mit Methoden aus dem Bereich Musik Information Retrieval (MIR), ein interdisziplinäres Forschungsgebiet, das sich mit der Analyse und Extraktion musikalischer Informationen, wie Tempo oder Stimmung, beschäftigt, ergibt das Services wie Spotify, Shazam oder Soundcloud. Mit der unendlichen Anzahl von Musiktiteln die heutzutage verfügbar ist, wäre es fast unmöglich, jedes Lied händisch einem, beispielsweise, Genre zuzuweisen.

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Mehr Zugang, weniger Routinearbeit

Künstliche Intelligenz ist bereits Teil der Mixing- und Mastering-Welt. Zugegebenermaßen noch ein kleiner, dafür aber ein umso schneller wachsender.

Wenn es um Kreativität geht – und Musik zu kreieren ist höchst kreativ – ist die Skepsis groß. Was ist, wenn K.I. über meine Kreation bestimmt? Was ist, wenn Kreativität an sich verschwindet und durch K.I. generierten Einheitsbrei ersetzt wird? Es ist nicht undenkbar, dass sich viele Menschen immer dann ähnliche Fragen stellten, wenn eine neue Technologie ihren Weg in eine kreative Branche fand.

Wir von sonible sind der Meinung, dass K.I. den Audio-Software-Markt bereichert. Warum? Weil es aufstrebenden Talenten Zugang zu anspruchsvollen Audio-Technologien gibt. Nicht jeder hat die Gelegenheit sich umfassendes theoretisches Wissen anzueignen bevor sie oder er beginnt Musik zu machen. Nichtsdestotrotz sollte jeder die Chance haben neue Dinge zu kreieren. Experten hingegen sind bei ihrer Arbeit oft mit großem Zeitdruck konfrontiert. K.I. basierte Software kann die nötige Routinearbeit erledigen und so mehr Raum für kreative Arbeit schaffen.

Kreativität ist eine willensstarke Kraft und für wirklich kreative Menschen sind Technologien reine Werkzeuge, die dabei assistieren eine Vision zu realisieren trotz Einschränkungen wie Zeit, Geld oder anderen äußeren Umständen.