Lautheit meistern

Juni 3, 2019 | Know-how

Der sogenannte Loudness War, der Krieg um Lautheit, begann mit folgender Annahme: je lauter, desto besser. Der Spruch geht ins Ohr, aber wenn es um Audio geht ist einfach nichts nur einfach. Der Loudness War hatte einige grundlegende Veränderungen in der Musik- und Rundfunk-Industrie zur Folge.

Laute Geräusche ziehen Aufmerksamkeit auf sich und laute Songs klingen oft knackiger. Diese Erkenntnis war Stein des Anstoßes für eine Kriegserklärung an die Ohren von Zuhörern: der Loudness War. Er führte dazu, dass sich Plattenfirmen, Künstler und Musikproduzenten von 1990 bis 2010 mit der allgemeinen Lautheit ihrer Songs und Alben übertrumpfen wollten. Das Album „Appetite for Destruction“ von Guns and Roses oder Metallica’s „Death Magnetic“ werden immer wieder im Zusammenhang mit dem Loudness War erwähnt.

Foto: eine abgeänderte Version von „Metallica Live at The O2, London, England, 22 October 2017“ by Kreepin Deth, verwendet unter CC BY-SA 4.0

Die Musikindustrie war jedoch nicht das einzige Schlachtfeld auf dem sich der Loudness War abspielte. Die Rundfunkindustrie sprang ebenfalls auf den „lauter ist besser“ Zug auf, der so zuverlässig für mehr Aufmerksamkeit sorgte. Was jedoch Werbekunden zusagte, veranlasste Zuhörer dazu, zu Beginn eines Werbeblocks hastig zur Lautstärkeregelung zu greifen.

Der Einsatz von eigentlich sehr sinnvollen und wichtigen Werkzeugen wie Kompressor und Limiter wurde überstrapaziert, um den Dynamikumfang einer Aufnahme zu reduzieren und anschließend die Lautheit von Audiomaterial ordentlich zu erhöhen.

Mit der Zeit wurden jedoch auch die kritischen Stimmen von Toningenieuren und Künstlern lauter. Manche wiesen darauf hin, dass der Level von bestimmten Songs und Alben bereits einen Punkt erreichte, an dem Verzerrungen zu hören waren. Andere warnten, dass die maßgebliche Reduktion des Dynamikumfangs eine Entwicklung ist, die dazu führe, dass Zuhörer einen Song nur aufgrund seiner Lautstärke gut fanden anstatt ihn für seine Ausdrucksstärke, angenehme Balance und Musikalität zu schätzen. Das Publikum zu Hause beschwerte sich zunehmend über die Lautheit von Werbeeinschaltungen. Hinzu kam, dass Audio-Kompressoren durch ihren übertriebenen Einsatz in Verruf gerieten.

Standards als Gegenmaßnahmen

Das wachsende Ausmaß an Beschwerden zeigte Wirkung und einige Regulierungsmaßnahmen folgten. So ermächtigte beispielsweise im Jahr 2010 der US Kongress den FCC dazu, die Lautheit von Werbeeinschaltungen zu kontrollieren und festzulegen. Ein Standard wurde gewählt: der ITU-R BS.1770 Lautheitsstandard. Er führte die Maßeinheit LKFS ein und ein Wert von -24 wurde für den Rundfunk gefordert. Die European Broadcasting Union modifizierte den Standard, was zu neuen Einheiten führte – eine davon ist LUFS (loudness unit full scale). Heute sind LKFS und LUFS dasselbe, jedoch sind beide Abkürzungen in Verwendung.

Anstatt des Peak Value, der der einzige wichtige Messwert zu Beginn der digitalen Ära war, verwendet der ITU Standard unter anderem den RMS Wert in der Berechnung von LUFS/LKFS. Warum? Weil der zeitliche Aspekt entscheidend bei der Messung von wahrgenommener Lautstärke ist: unsere Ohren nutzen eine Integrationszeit von 100 ms für Lautheit und der RMS Level ist ein Wert für das durchschnittliche Signal-Level über einen gewissen Zeitraum hinweg.

 

Vorschriften tauchten auch in der Musikindustrie vermehrt auf: Von Produzenten wurden vermehrt Tracks verlangt, die gewisse LUFS und True Peak Werte aufwiesen.

Heute nutzen viele Streaming-Plattformen den LUFS Messstandard. Wird beispielsweise ein Song auf Spotify hochgeladen, der nicht dem Standardwert von -14 integrierten LUFS entspricht, wir die Lautstärke entsprechend verringert oder angehoben. Obwohl Streaming-Plattformen wichtige Vorbilder sind, scheinen die Bemühungen der Rundfunk-Industrie zur Lautstärkenregulierung und Vereinheitlichung wesentlich besser funktioniert zu haben als die der Musikindustrie.

 

 

Lautstärke wahrnehmen

Wie wir Schall wahrnehmen wird in der Psychoakustik untersucht. Ein wissenschaftliches Modell für den Bereich Lautstärkewahrnehmung sind die „Kurven gleicher Lautstärke“ (Equal-Loudness Contours). Sie zeigen, wie menschliche Ohren Schalldruckpegel bei unterschiedlichen Frequenzen wahrnehmen. Beispielsweise werden Geräusche mit Frequenzen im oberen Mitten-Bereich als lauter wahrgenommen als jene mit Frequenzen in anderen Bereichen, obwohl der gemessene Pegel derselbe ist. Harvey Fletcher und Wilden A. Munson waren die ersten, die wahrgenommene Lautstärke (Lautheit) erforschten. Sie veröffentlichten 1933 das Fletcher-Munson Diagramm und initiierten damit weiterführende wissenschaftliche Untersuchung der Thematik. Heute sind die Fletcher-Munson Curves „nur“ Teil der Equal-Loudness Contours. Mit dem Ansatz die Natur menschlichen Hörens miteinzubeziehen, sorgten die beiden Forscher für fundamentales Umdenken.

Der Algorithmus hinter der Messmethode für LUFS wurde so gestaltet, dass er so gut wie möglich menschliche Wahrnehmung abbildet. Unter anderem besteht er aus dem sogenannten K-weighting, welches die erwähnten Equal-Loudness Contours enthält, sowie einer Gewichtung bestimmter Audiokanäle.

Wir produzieren Musik, Podcasts, Werbung etc. für menschliche Ohren. Es macht also Sinn, Wahrnehmung jedes Mal zu berücksichtigen, wenn wir Audiomaterial bearbeiten – oder Audio bezogene Produkte kreieren, Richtlinien festlegen, etc. Das ist auch der Grund warum wir psychoakustische Prinzipien in die Algorithmen unserer Plug-ins, wie smart:EQ 2, eingebunden haben.