Reuven Amiel: „Ich riskier lieber was – das macht mehr Spaß“

September 3, 2021 | Producers & Artists

Bereits seit 22 Jahren ist der in Miami lebende, Latin Grammy-ausgezeichnete Produzent und Mix-Ingenieur Reuven Amiel Teil der Musikindustrie. Er hat die Evolution des Plug-ins direkt miterlebt und ist eine Schatzkiste voller Tipps, Tricks und wertvollen Einblicken.

Mit seiner offenen Art, seinem vielfältigen Stil und seiner Kreativität ist Reuven ein gefragter Musikproduzent und Mix-Ingenieur, der mit Künstlern wie Adrenaline, Swansy, Gian Marco, PVRIS, RockFour, Adrenaline, ZEN, Ricardo Arjona, Susana Baca, Felipe Pelaez, Pony Asteroid, Di WAV zusammengearbeitet hat. Vom Aufbau neuer Künstler bis zur Arbeit mit etablierten: Alle von ihnen konnten sich sicher sein, dass Reuven ihren Songs Energie und einen einzigartigen Vibe verpasst.

Reuven machte seine ersten Schritte in der Musikszene im Alter von 17 Jahren – als Gitarrist in Rock Bands. Als er und seine Bandkollegen in Studios gingen und Aufnahmen machten, weckten all die Mixboards, die Effektgeräte und der ganze Aufnahmeprozess in Reuven massives Interesse. Mit einem Umzug von Peru und Israel startete seine Ausbildung: Reuven studierte Toningenieur und Musikproduktion in Tel Aviv, absolvierte Praktika in den besten Studios in Israel und ging eine Zeitlang nach Kanada um bei Bob Ezrin (Lou Reed, Peter Gabriel, Aerosmith, Thirty Seconds to Mars) zu lernen.

Gut aufgenommen ist halb gewonnen

Als Reuven am Anfang seiner Karriere stand, beobachtete er etwas, das nach wie vor ein entscheidender Teil seiner Arbeitsphilosophie ist: „Ich sah wie viel Mühe und Aufmerksamkeit erfahrene Ingenieure in den Aufnahmeprozess steckten – sie nahmen nur die besten Takes, die besten Musiker; sie arbeiteten hart daran den richtigen Sound zu bekommen. Eine wirklich gute Aufnahme macht einen riesigen Unterschied und es macht alles viel einfacher. Heute scheint es, als ob Aufnahmen schnell gemacht werden. Ich denke, dass der Produktionsprozess nicht mehr so viel Aufmerksamkeit bekommt, wie es nötig wäre. Die Gründe dafür sind vielfältig; Die Möglichkeit in unterschiedlichen Projekt-Studios aufnehmen zu können führt dazu, dass der Prozess ohne fokussierte Supervision verloren geht. Hinzu kommt, dass wir Zugang zu Tools haben, mit denen wir nach der Aufnahme Dinge korrigieren und verbessern können. Auch die Vielfalt an Vermarktungsmöglichkeiten, die das Internet mit sich bringt, sorgt dafür, dass das Marketing etwas ist, worauf man sich wesentlich stärker verlässt und konzentriert. Als Produzent musst du den Künstler und sein künstlerisches Ziel verstehen, um all diese Informationen vermitteln zu können und etwas schaffst, was den Künstler repräsentiert. Dieses etwas muss gut gemacht sein.“

Trotz all der Jahre an Mixing-Erfahrung, ist nicht gut aufgenommenes Material eine zeitaufwendige Herausforderung für Reuven. Da oft mehrere Möglichkeiten existieren, um Probleme zu lösen, ist seine Strategie eine Frage des Probierens: „Anfangs sage ich immer ‚Ich hab keine Ahnung, wie ich es mache, aber ich werde es hinkriegen‘ – und das ist das Schöne daran, weil ich anfangs nicht weiß, was der richtige Zugang ist – die Strategie ist zu probieren, die Möglichkeiten zu evaluieren, den besten Weg zu finden, um das Problem lösen zu können und den Mix zu Ende zu bringen. Natürlich rede ich hier davon Herausforderung in einem Mix zu meistern, aber verliere dabei nie den Bezug zum Vibe und zu den musikalischen und künstlerischen Aspekten des Songs.“

Die Kunst zu experimentieren

Abgesehen von seiner Bereitschaft immer mehr als 100% zu geben, ist Reuven für seine Kreativität und seinen Geschmack in der Musikszene sehr bekannt und das sind auch die Gründe dafür, dass ihn Künstler kontaktieren. Er erklärt: “Sie wissen, dass ich ihren Songs etwas Besonderes geben werde – etwas das nicht unbedingt sehr auffällig ist oder dem derzeitigen Trend entspricht. Ich will dem Vibe des Songs etwas Neuartiges verleihen – quasi ein Überraschungsmoment. Kunst ist ein Experiment, ein Song ist ein Experiment.“

Musik hat sich über die Jahre verändert und mit ihr auch Reuven’s Stil: „Früher war er eher trocken und sehr sauber. Heute, wahrscheinlich hat das mit dem Material zu tun, das ich erhalte, hat mein Stil hat nichts mit Makellosigkeit zu tun. Er ist fast ein bisschen dirty und energiegeladen – ich muss Energie in einem Song spüren. Die Leute sagen mir, dass mein Stil einen gewissen Edge und Klarheit hat. Ich riskiere lieber was, als auf Nummer sicher zu gehen – das macht mehr Spaß!“

Um beim Mixen mehr Raum für kreative Experimente zu haben, organisiert Reuven seine Projekte sehr sorgfältig: „Session-Vorbereitung, Track-Management, farbliche Kennzeichnungen, Main-Bus anlegen, grundlegende Effekt parat haben, Gain checken, … wenn das alles erledigt ist, kann ich einfach dem Song und meiner Vision dahin folgen, wie es meine Kreativität will.“

Reuven’s Top 3 Tipps für aufstrebende Mixer

  • Starte immer mit einer guten Balance in deinen Tracks
  • Verstehe Gain Staging – es ist essenziell
  • Kenne deine Plug-ins – experimentiere damit

Die Evolution von Plug-ins

Als Reuven studierte, erzählte der Direktor seiner Schule, Yoav Gera, den Studierenden von einem Konzept, dass zu dieser Zeit gerade entstand – es war das Konzept von Plug-ins. „Ich war so hungrig nach Wissen und komplett aus dem Häuschen darüber, wie cool das klang.“ Später, als ich gerade das Abmischen eines Albums für meinen ersten Künstler in Peru abgeschlossen hatte, flog ich nach Israel um mit einem Mastering-Ingenieur daran zu arbeiten. Wir verwendeten dafür die Beta-Version von Plug-ins von Waves. Die waren zu diesem Zeitpunkt nicht einmal käuflich zu erwerben. Das war wovon Yoav Gera damals sprach.“

Reuven hat die Entstehung und die Evolution von Plug-ins direkt miterlebt. Er ist davon überzeugt, dass die Phase der Emulationen von Hardware mittlerweile hinter uns liegt. „Wir befinden uns bereits in der nächsten Entwicklungsstufe: hinterfragen, herausfordern und aus dem Bekannten ausbrechen. Mein Interesse wird dann geweckt, wenn ein Plug-in alle digitalen Möglichkeiten ausreizt. Ich mag digitale Emulationen wirklich sehr. Daran zu arbeiten, noch realistischere Emulationen mit neuen Technologien zu entwickeln ist eine Kunstform, die viel Kreativität auf einem hohen technischen Level verlangt. Ich finde es aber richtig interessant, wenn ein Plug-in beispielsweise mit dem Ziel entwickelt wird, der beste EQ der Welt zu sein – ohne, wie dies oder das zu klingen. Indem eine Emulation erstellt wird, bilden wir nach was schon existiert. Also denken wir nicht neu. Aber wenn all die Vorteile der digitalen Welt genutzt werden, sind uns eigentlich nur durch unseren Ohren und unserer Fantasien Grenzen gesetzt.“

Das könnte auch der Grund sein, warum Reuven ein begeisterter Nutzer von sonible Plug-ins ist: Die Tools wurden nicht mit dem Ziel entwickelt Hardware nachzubilden, sondern um Nutzern und deren Bedürfnissen zu entsprechen – mit neuesten Technologien für transparente und schnelle Ergebnisse. Daher nutzt Reuven auch proximity:EQ, smart:EQ 3, smart:comp and smart:reverb – jedes Plug-in für spezifisches Anwendungsgebiete. „proximity:EQ kommt bei mir kreativ zum Einsatz: Bevor ich einen Halleffekt in einem AUX Return einsetze, gestalte ich den Sound für den Reverb und positioniere das Eingangssignal anders. Ich liebe den Sound und die Benutzeroberfläche von smart:EQ 3 – ich verwende die AI Features nicht oft aber ich schau mir gerne an, was für ein Ergebnis sie erzeugen. In Sachen Kompression, weiß ich genau, was ich tue und ich setze Kompression nicht immer ein. smart:comp ist kein farbgebender Kompressor. Er klingt clean und modern und ich verwende ihn sehr gerne für ein wenig Kompression um die Dynamik zu kontrollieren und Konsistenz zu schaffen.